30 Jahre PowerPoint-Seuche

1997 wurde PowerPoint eingeführt. Es ist seit nunmehr 30 Jahren an unsere Füsse gekettet. Und ich hasse es.

Warum PowerPoint eine Seuche ist:

  • Weil der Redner nicht mehr im Mittelpunkt steht.
  • Weil die einzige Bewegung des Redners das Drücken der Fernbedienung ist.
  • Weil nochmal vorgekaut wird, was jeder schon längst gelsen hat.
  • Weil die Behaltensquote sinkt statt steigt.
  • Weil durch die Stundenlöhne der zwangsweise Anwesenden Milliarden an Vermögen in den Firmen verbrannt wird.

Ich hasse Powerpoint nicht, weil es unsere Welt verdummt. Und ich hasse PowerPoint nicht, weil es jährlich für neun Milliarden langweilige Folien verantwortlich ist.
Ich hasse es, weil man ihm nicht mehr entrinnen kann. Kein Meeting-Saal, kein Vortragsraum, keine Konferenzhalle bleibt von ihm verschont. Sobald ein Redner vor Publikum tritt, nutzt er diese instrumentalisierte Beeinträchtigung seiner Präsenz.
Wie eine Seuche hat es sich über die Welt verbreitet.

Dokumente werden inzwischen nur noch in PowerPoint erstellt und oft sogar vorher
verschickt, bevor dann der Präsentator während seines Vortrags alles nochmal durchkaut.
Meist auch noch neckisch garniert mit Animationen, die das Zeug hätten, jegliche bösen
Geister aus alten Häusern für immer zu vertreiben. Schüler in Deutschland, Österreich und der
Schweiz bekommen von ihrem Lehrer Punktabzug, wenn bei Präsentationen KEIN
PowerPoint zum Einsatz kommt. Das Gebrechen wurde zum Heilmittel deklariert.
Anfänglich war PowerPoint geplant, die Wirkung einer mündlichen Rede durch ein treffendes Bild oder ein Schlagwort im Hintergrund zu unterstützen. Diese Intention haben die Anwender von Beginn an missverstanden. Sie haben den Hintergrund zum Vordergrund gemacht und sich selbst in das Halbdunkel verdrückt.

Mit PowerPoint kann man ja so viele famose, wonnigliche Dinge machen:
Dort wird eine Tabellengrafik mit 8 Spalten und 13 Zeilen perfekt übersichtlich abgebildet.
Hui, da fliegen Buchstaben von links nach rechts auf den Bildschirm. Wow, da blinkt gar ein einzelner Begriff. Da passt eine ganze A4 Seite auf eine Folie, wenn man die Schrift nur klein genug macht. Da wird mit einer Animation ein wirklich lustiges GIF gezeigt.

PowerPoint hat etliche Grund-Probleme
Das Publikum unterliegt einem Lesezwang. Magisch müssen sie lesen, was dort auf der Folie erscheint. Aber der Redner wiederholt dann noch einmal, was alle schon längst gelesen haben. Betreutes Lesen!

Der Redner steht nicht mehr im energetischen Mittelpunkt – dort, wo Meinungsführer wie
Steve Jobs immer stehen und von wo die meiste Kraft auf das Publikum ausgeht, ist nur noch lichtbeleuchtete Leinwand und leerer Raum. Die einzige Bewegung, die der Redner ausführt, ist das Drücken der Knöpfchen auf der Fernbedienung.
Wenn man davon ausgeht, dass in Firmen die Leute oft zwangsweise bei diesen PowerPoint- Schlachten anwesend sein müssen, wo Motivation nicht aufgebaut, sondern vernichtet wird, dann kann man auch eine betriebswirtschaftliche Betrachtung aufstellen.

Die Stundenlöhne der Zwangsanwesenden hochgerechnet machen ein Vermögen aus.
Seit der Einführung von PowerPoint vor 30 Jahren sind eine Grössenordnung von 150
Milliarden Euro durch Vernichtung von Arbeitszeit verbrannt worden.

Es gibt Alternativen zum „betreuten Lesen“
Dabei wäre es so einfach: So wie Perikles vor 2500 Jahren regelmässig 6000 anwesende Athener ohne jegliche Folien von seinen Vorhaben restlos überzeugen konnte, so könnten wir das auch. Aber keiner traut sich mehr. FREI SPRECHEN, ohne jegliche Unterstützung, ist zu einem Unding geworden. Aber es wäre so wirkungsvoll.
Es gibt immer noch das Flipchart. Ein Balkendiagramm, per Hand schwungvoll
hingezeichnet, hat fünf mal mehr Wirkung als jedes noch so perfekt gestaltetes PowerPoint- Chart.

Viele sagen: PowerPoint an sich ist nicht das Übel! Es sei nur übel, wie damit umgegangen
wird. Ich sage: Nein – PowerPoint IST das Übel!

Es gibt eine Taste, die ich als PowerPoint Gegner komischerweise besser kenne, als die
PowerPoint Gralshüter. Es ist die „B“-Taste – die schaltet PowerPoint aus und beim erneuten Drücken erscheint die Folie wieder. Mein Rat: Während des ganzen Vortrags die „B“-Taste gedrückt halten!

Zum Autor: Matthias Pöhm ist Rhetoriktrainer und coacht Top-Kräfte aus Politik und Wirtschaft für ihre öffentlichen Auftritte. Er veranstaltet das härteste und teuerste Rhetorik-Seminar Europas, bei dem die Teilnehmer vor über 100 Zuschauern frei sprechen müssen. Zudem ist er Gründer der Anti-PowerPoint-Partei, die schon zwei mal an den Schweizer Parlamentswahlen teilgenommen hat. Weitere Informationen: www.rhetorik-seminar-online.com

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